Bericht vom One-Eleven, 20.08.2006
Nicole Künzi

Erlebnisse und Eindrücke während 111 km, 1600 Höhenmeter auf und ab.

Samstag 19.08.2006
Eine kleine Gruppe Emmenskaters hat sich entschlossen nach St. Gallen zu reisen um diese Strapazen freiwillig auf sich zu nehmen. Ganz klar die Herren reisen mit A-Klasse, während sich die zwei Frauen in den knallroten Ibiza quetschen und los geht die Verfolgungsjagd auf der Autobahn Richtung Zürich. Unterwegs machen wir nur eine kurze „Bisli“- Pause, natürlich nicht ohne uns noch ein paar Kohlenhydrate einzuschieben. Ohne grosse Zwischenfälle kommen wir in Goldach bei der Unterkunft an, wo wir die Zimmer beziehen. Es werden Bedenken geäussert, dass Frauen und Männer im gleichen Zimmer schlafen (-; . Ich beschlagnahme gleich ein oben liegendes Doppel-Kajütenbett, da ich oft sehr unruhig schlafe und viel Platz benötige. Es ist sehr amüsant den Herren beim beziehen der Duvets zuzuschauen, schon lange nicht mehr gemacht (-: . Nach kurzer Diskussion über die Wettervorhersage vom Sonntag geht’s los mit Rollen ummontieren, wobei wir Frauen uns die 8 vorhandenen Regen-Rollen „brüderlich“ teilen. Unglaublich was so Männer alles mitschleppen, ein batteriebetriebener Schrauber! Nachdem jeder sein Gnusch grosszügig im Zimmer verteilt hat, fahren wir zurück nach St. Gallen um die Startunterlagen abzuholen. Das Gedränge ist noch nicht sehr gross, somit geht’s wenig später zum Pastaessen über. Die drei restlichen Emmentaler  und ein paar Oberländer sind nun auch eingetroffen. Somit stopft jeder ein Teller Pasta in sich rein. Mein Appetit ist nicht so gross, aber es muss alles runter. Erinnerungen an letztes Jahr steigen hoch. Wir Menschen sind schon sonderbare Wesen, immer wieder fordern wir unseren Körper zu Höchstleistungen heraus. Wieso tun wir das? Um den kurzen Moment der Endorphin-Ausschüttung im Ziel zu geniessen?
Zurück nach Goldach, jeder sortiert noch mal seine Kleidung, dann ab ins Bett. Wer steht wann auf? Wer will Pasta zum Zmorge... Mein einziger Gedanke: Jetzt ganz schnell einschlafen! Hitzewallungen, Strassenlärm und Gejohle von „Töfflibuebe“ hindern mich daran. Auch die Kirchenglocke hämmert viel lauter als zu Hause. Nach wenigen Stunden unruhigem Dämmerschlaf klingelt auch schon der Wecker. Eine kalte Dusche ist das einzige Mittel um jetzt meinen Kreislauf in Schwung zu bringen. Nach dem Morgenessen fahren wir um 05.30 zur Messehalle, super die ganze Autobahn für mich allein! Zum Glück ist es schon 17 Grad und so entschliessen sich die meisten „kurz“ zu fahren. Ich staune als ich auch noch René unseren Fitness-Breitensportkämpfer entdecke. Beim Einfahren fallen auch schon die ersten Regentropfen, doch ich und Ruth sind fest entschlossen diese Strapaze zusammen durchzustehen. Wir Frauen starten separat in einer oberen Gasse, so kommt es, dass wir den Startschuss fast überhören, wir sprinten los wie verrückt erst beim ersten kleinen Anstieg werden wir von der Männer-Spitzengruppe überholt. Unentschlossen welcher Gruppe wir uns anschliessen sollen, kämpfen wir bis ca. km 30 grösstenteils zu  zweit durch die Strassen. Immer wieder staune ich: Unglaublich wer sich da alles auf Skates fortzubewegen versucht (-; .
Nach dem 30er Schild, ein Aufstieg, und meine Wadenmuskulatur krampft schon das erste Mal, das kann ja heiter werden! Ruth hält zu mir bis ich mich ein wenig erholt habe.

Ohh ..schon das 50er Schild, nun bekommt Ruth ihre erste Krise, es ist glitschig im Wald und geht aufwärts, ich lasse die Gruppe ziehen und versuche es mit Mental-Unterstützung. Wieder im Flachen können wir uns gut erholen, doch der nächste Aufstieg ist nicht weit. Bei ca. km 70 trenne ich mich schweren Herzens von Ruth. Ich fahre nun in einer vierer Gruppe und wir wechseln uns fleissig ab um nicht eingeholt zu werden. Ralf, Kampfsau aus Deutschland begleitet mich die letzten 20 km, wobei ich ihn die letzten 3 km ziehen lassen muss, ich gebe den Getränken an den Posten die Schuld, die wahrscheinlich  mit Blei versetzt sind, meine Beine fühlen sich jedenfalls so an. Auch das Gel muss ich ausspucken, Schoko-Banane ist in diesem Moment nicht meine Geschmacksrichtung. Ich gebe es an den Kollegen hinter mir ab, der kurze Zeit später spurlos verschwunden ist (-: . Auch Angebote für Kaffe und Bier von vereinzelten Zuschauern lehne ich dankend ab. Mein linker piriformis und der rechte Adduktor krampfen, trotz aufmunternden Zurufen am Strassenrand komme ich fast nicht mehr vom Fleck. Ein Blick auf meine Uhr verrät mir dass ich weit über meiner „Traumzeit“ liege. Jetzt heisst es zusammenreissen, na ja, ans Ziel kommen ist alles. Immer wieder blicke ich ängstlich zurück um nicht im letzten Moment noch von der Konkurrenz überholt zu werden.
Wie viele Zähne besitzt der erwachsene Mensch zum draufbeissen? In diesem Moment hatte ich einige zu wenig.
Total erschöpft komme ich ans Ziel, Nachdem ich mich ein wenig erholt habe, blicke ich sorgenvoll ins Zielgelände. Wo bleibt Ruth, wie geht es ihr? Ich treffe sie beim Duschen, sie kann tatsächlich noch selbständig gehen und hat nur eine Blase am Fuss. Jetzt fühle ich mich schon viel besser.
Zurück im Zielgelände machen mich die anderen mit Bier und Bratwurst gluschtig. Ich glaube ein Schluck Alkohol in diesem Moment und ich wäre umgekippt. Die Nachricht dass ein Kollege im Spital liegt trübt unsere Stimmung und so machen wir uns bald einmal auf den Heimweg. Auf der Fahrt, oh Schreck, Thomas ruft mich an: René wo ist er, niemand hat in gesehen! Ich tröste mich mit dem Gedanken: Wir Berner sind Kämpfer, er wird das schon schaffen.. Später erfahre ich von ihm, dass es sich immer ein paar Meter vor dem Besenwagen vorwärts gekämpft hat. Die Wut über den lästigen Verfolger zwingen ihn zu verbalen Äusserungen, doch sie geben ihm die Kraft bis ans Ziel durchzuhalten. An dieser Stelle: Herzliche Gratulation meinerseits!
Mit Kofferauspacken tat ich mich ein bisschen schwer... Das warme Bett war verlockend nahe.
Nach zwei Tagen konnte ich tatsächlich schon wieder die Treppe runtersteigen ohne mich am Geländer festhalten zu müssen.
Wer ist nächstes Jahr wieder dabei? Wir lassen uns überraschen (-:

Anmerkung: Falls sich jemand nach dem lesen von diesem Bericht persönlich angegriffen fühlt, angestauter Ärger bitte beim nächsten Training auslassen.

Nicole Künzi


last update: 27.08.2006